Indessen verlange ich nicht, daß die Lebensführung eines Christenmenschen nichts als das vollkommene Evangelium atme - obwohl das zu wünschen ist und wir uns notwendig darum mühen müssen.
Johannes Calvin
Calvin und die Menschwerdung des Wortes
Die Sinnwidrigkeiten, mit denen man uns belasten will, sind voller kindischer Schmähungen. So heißt es: Für Christus sei es doch eine Schande, ein Makel, wenn er von Menschen seine Abkunft herleitete; denn dann könnte er doch auch von dem allgemeinen Gesetz nicht ausgenommen werden, das jeden Nachkommen des Adam ausnahmslos unter der Sünde festhält. Diesen Knoten kann nun aber leicht die Gegenüberstellung lösen, die wir bei Paulus hören. "Derhalben, wie durch einen Menschen die Sünde ist gekommen in die Welt und der Tod durch die Sünde ... also ist auch durch eines Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen gekommen" (Röm. 5:12,18). Dazu kommt auch die andere Gegenüberstellung: "Der erste Mensch ist von der Erde und irdisch, der andere Mensch ist der Herr vom Himmel!" (1. Kor. 15,47). Deshalb lehrt der Apostel an anderer Stelle zwar auch, Gott habe "seinen Sohn gesandt in der Gestalt des sündlichen Fleisches", damit er dem Gesetze Genugtuung leistete (Röm. 8,3); aber er nimmt ihn doch ausdrücklich von dem allgemeinen menschlichen Los aus und zeigt, wie er ein wahrer Mensch war, doch ohne Sünde und Verderbtheit!
Calvin und die Erlösung durch die Werken
Die Schrift aber demütigt uns tiefer - und richtet uns zugleich kräftiger auf! Sie verbietet uns allerdings, uns unserer Werke zu rühmen, weil sie ja Gottes unverdiente Gaben sind.
Calvin und das Gesetz
Anders verhält es sich freilich mit den Zeremonien: sie sind nicht ihrer Bedeutung, sondern nur ihrem Vollzug nach abgetan. Daß ihnen aber Christus durch seine Ankunft ein Ende gesetzt hat, nimmt ihnen nichts von ihrer Heiligkeit, ja preist und verherrlicht sie nur um so mehr! Denn wie sie einst dem alten Bundesvolk ein eitles Schaubild geboten hätten, wenn in ihnen nicht die Kraft des Sterbens und Auferstehens Christi abgebildet gewesen wäre - so würde jetzt, wenn sie nicht aufgehört hätten, gar nicht mehr zu erkennen sein, warum sie eigentlich eingesetzt worden sind.
Calvin und die Gewissheit des Glaubens
Von hieraus läßt sich beurteilen, wie gefährlich die scholastische Lehre ist, wir könnten der Gnade Gottes gegen uns nur in dem Sinne einer „moralischen Vermutung" (Vermutung auf Grund unserer sittlichen Taten!) gewiß werden, wir müßten also danach gehen, wie weit jedermann die Überzeugung habe, dieser Gnade nicht unwürdig zu sein. Sollten wir nun freilich aus unseren Werken entnehmen, wie der Herr gegen uns gesinnt sei, so würden wir es allerdings nicht einmal mit der leisesten Vermutung feststellen können!
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